Covertext:
Während eines Urlaubs in Gambia erliegt sie jedoch den schönen Worten eines Einheimischen und glaubt, all das zurück zu bekommen, was sie so lange schmerzlich vermisst hat. Es beginnt eine leidenschaftliche Liebe und für Victoria die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Träume. Geschwächt vom Malaria-Fieber muss sie jedoch bald die grausame und sehr schmerzliche Wahrheit erkennen…
Offen und ehrlich erzählt die Autorin die Geschichte ihrer Liebe zu einem Gambier. Ihr flüssiger und gleichzeitig emotionsgeladener Schreibstil lässt die Leser in eine Welt versinken, aus der es kein Entrinnen gibt, bis die letzte Seite umgeblättert ist.
Die Maschine landete pünktlich in Banjul und auch die Passkontrolle bei der Einreise verlief reibungslos. Sofort war einer der Kofferträger mit einem Trolly bei ihr. Sie fanden einen guten Platz direkt am Anfang der Gepäckausgabe. Aber dann musste sie sehr lange warten, bis sie ihre beiden Koffer auf dem Laufband entdeckte. Der junge, muskulöse Mann hievte einen nach dem anderen auf den Trolly und sie konnten endlich auf den Ausgang zusteuern. Wie immer warteten schon viele Einheimische am Gate, um die gerade angekommenen Passagiere zu begrüßen. Aus dem Stimmenwirrwarr drangen einzelne Wortgebilde in unterschiedlichen Sprachen zu ihr herüber. Da ein Lachen, dort ein Weinen, hier von einer Frau und dann wieder von einem Mann. Dazwischen helles Kindergeschrei, das einen nicht erkennen ließ, ob es sich hier um Freude, Hunger, Schmerzen oder nur um Ungeduld handelte. Plötzlich dachte sie, ihr Herz blieb stehen. Nein! Das konnte nicht sein. Es musste sich um eine Verwechslung handeln. So etwas passierte doch nur in Kitsch-Romanen. Nein! Nein! Und doch, es gab keinen Zweifel. Der junge Mann mit der grauen Wollmütze auf dem Kopf, der dort erwartungsvoll am Gate stand und ihr für einen Moment direkt in die Augen sah, war kein anderer, als Amir!
Mein Gott, sie musste den Impuls unterdrücken, nicht auf ihn zuzugehen, um ihn zu umarmen und zu küssen. Aber sie wusste ja, dass nicht sie es war, auf die er wartete. ´Nein, lieber Gott´, dachte sie, ´das kannst du mir doch nicht antun. Bitte, bitte nicht!´ Es schien so, als würde er sie nicht erkennen. Oder wollte er sie nicht erkennen? Sie konnte nichts in seinen Augen lesen. Er tat wirklich so, als wäre sie eine Fremde. Aber was wäre, wenn er nicht nur so tat, sondern sie es in seinen Augen tatsächlich schon war? Victoria war wie gelähmt und sie wusste nicht was sie tun sollte. Für einen Moment wollte sie diese unerträgliche Situation verdrängen, einfach ignorieren. Sie schloss kurz ihre Augen. Aber als sie ihre Augen wieder öffnete, stand er immer noch an der gleichen Stelle und schien durch sie hindurchzusehen. Es tat so weh.
Sie hatte ihm ja nicht erzählt, dass sie an diesem Tag in Banjul landen würde. Sie machte einen Schritt in die Richtung, wohin der Kofferträger schon den Trolly geschoben hatte, aber dann drehte sie sich wieder um. Nein! So konnte und wollte sie es nicht machen. Zumindest “Hallo” musste sie zu ihm sagen, ganz egal warum er hier war. Vielleicht stellte sich ja doch noch alles als ein Irrtum heraus. Er hatte doch erst noch vor kurzem wieder am Telefon gesagt, dass er sie liebe und sie so vermisse. Sie drehte sich wieder um und machte ein paar Schritte auf ihn zu.
Als er das sah, versuchte er zu flüchten. Aber sie rief seinen Namen. Da er ja kein Aufsehen am Flughafen erregen wollte, drehte er sich dann doch um und schaute sie an ohne ihr dabei in die Augen zu sehen. “Hallo Amir“, sagte sie traurig. Und sie fragte ihn, auf wen er denn warten würde. Ohne die geringste Gefühlsregung im Gesicht behauptete er, dass er hier öfter sei, um mit Freunden zu ‘chatten.’ Warum log er denn sogar jetzt? In dieser so offensichtlichen Situation? Warum? Als sie sagte, dass sie ihm das nicht glauben würde, zuckte er nur mit den Schultern, als hätte er damit nicht das Geringste zu tun. In diesem Moment wurde ihr Name ausgerufen. Der Transferbus wartete bereits auf sie. Sie sah ihm in die Augen und ohne die Spur eines schlechten Gewissens hielt er ihrem Blick stand. Sein Blick war eiskalt und sein Mund, den sie einst so sexy fand, erschien ihr auf einmal hart und hässlich. ‘Amir’, dachte sie, ‘Bitte, sag etwas. Du kannst noch alles gut machen. Noch ist es nicht zu spät. Sag’ dass du mich liebst, bitte, bitte.’ Obwohl sie wusste, wie sinnlos dieses innere Flehen war, hoffte sie, er würde ihre Worte verstehen und sie aus diesem Albtraum befreien, der ihr regelrecht die Kehle zuschnürte.
Mit zitternden Händen suchte sie nach ihrem Asthmaspray, welches sie sich glücklicherweise noch in Amsterdam in der Flughafenapotheke besorgt hatte. Sie drehte ihm nun den Rücken zu, versuchte ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen. Aber es war kein Albtraum. Es war die Wirklichkeit, die ihr in diesem Moment wieder einmal zeigte, dass sich in nur einem kurzen Moment alles verändern konnte und man die Zeit nicht mal für den Bruchteil einer Sekunde wieder zurückdrehen konnte.
Diesen Artikel haben wir am Montag, 15. August 2011 in unseren Katalog aufgenommen.