Umschlagtext:
Die 15jährige Sylvie ist entführt worden. Diese schreckliche Nachricht erhält ihre Schwester Martina, als sie von der Arbeit nach Hause kommt. Wer steckt dahinter?
Nach dem ersten Schrecken verstärkt sich innerhalb weniger Stunden der Verdacht, dass Sylvie ihre eigene Entführung nur vorgetäuscht haben könnte. Was geschah wirklich?
Michaela Martin erzählt in ihrem ersten Roman humorvoll und aufrichtig ein Stück Familiengeschichte. Die Handlung der tragischen Ereignisse wird immer wieder unterbrochen durch gekonnte Rückblenden in die Chronik einer Unternehmerfamilie in Zeiten des Wirtschaftswunders.
Michaela Martin, geboren 1952 in Köln, ist selbständige Rechtsanwältin. Sie arbeitete einige Jahre für das Bayerische und Hessische Fernsehen und war für Buch und Regie mehrerer Dokumentationen verantwortlich. 2005 war sie Protagonistin des HR-Spezials „Das Erbe der Martins“.
Leseprobe aus "Bonzentochter"
Es war dieser schreckliche Traum, der Mutter daran zweifeln
ließ, dass Sylvie noch am Leben war, so sehr sie sich das auch
wünschte. Es war inzwischen auch unwahrscheinlich, dass
Sylvie entführt worden war, denn die Entführer hätten sich
schon lange gemeldet und ihre Forderungen gestellt. Auch ein
Verkehrsunfall schied inzwischen aus, denn laut Polizei war in
keinem Krankenhaus der Umgebung ein unbekanntes Mädchen
in Sylvies Alter eingeliefert worden. Die Suche der Polizei mit
Helikopter und Spürhunden hatte bisher auch keinen Erfolg
gehabt. Sylvie blieb spurlos verschwunden, jetzt schon den
dritten Tag.
Die Warterei machte uns wahnsinnig. Wir mussten etwas tun.
Aber was konnten wir tun? Die Suche nach Sylvie war bei der
Polizei in den besten Händen. Was wir tun konnten, hatten wir
längst getan. Wir brauchten also eine Aufgabe, die uns ablenkte.
„Was ist eigentlich mit eurer silbernen Hochzeit? Wird die nun
gefeiert oder nicht?“
Statt einer Antwort schaute mich Mutter fassungslos an.
Unbeeindruckt fuhr ich fort: „Wenn ihr die Feier absagen
wollt, müssten wir dann nicht die Verwandtschaft informieren?
Schließlich sind es nur noch wenige Tage bis Samstag. Oma hat
bestimmt schon ihren Koffer gepackt.“
„Nach feiern ist mir nun wirklich nicht zumute“, sagte Mutter
tonlos und starrte zum Fenster hinaus.
„Das glaube ich dir aufs Wort, mir auch nicht“, erwiderte ich
ehrlich. Meine fehlende Lust auf familiäre Großereignisse hatte
aber nicht nur etwas mit Sylvies Verschwinden zu tun, sondern
meine Sympathien für Verwandtschaftstreffen, insbesondere
dann, wenn sie in meinem Elternhaus stattfanden, hielten
sich immer schon in Grenzen. Die Gefahr, dass es zum Krach
unter der lieben Verwandtschaft kam, war einfach viel zu groß,
als dass man sich entspannt auf ein Wiedersehen mit allen
Familienmitgliedern hätte freuen können.
Wir Kinder hatten natürlich keine Ahnung von Omas
unglücklicher Ehe und ihrer Entscheidung, ihrem Leben ein
Ende zu setzen. Uns wurde die Tragödie ganz anders verkauft.
Die kindergerechte Version hieß: „Oma war sehr schwer krank.
Sie hatte Krebs und ist daran gestorben.“ Diese Fehlinformation
hatte, von meinen Eltern allerdings unbeabsichtigt, sehr
nachhaltige Auswirkung auf mein Leben. Zum einen bekam ich
dadurch schon sehr früh mit, dass Menschen sterben müssen; die
einen offensichtlich früher als die anderen. Diese Information
allein hätte mich wahrscheinlich nicht besonders beunruhigt,
weil man sich als Kind bekanntlich unter dem Tod überhaupt
nichts vorstellen kann. Kinder werden erst dann misstrauisch,
wenn sie feststellen, dass sich die Erwachsenen komisch
benehmen. Wenn Erwachsene zum Beispiel ohne ersichtlichen
Grund anfangen ganz leise zu reden, sodass man als Kind keine
Chance hat zu verstehen, über was eigentlich geredet wird, dann
wird man erst einmal neugierig.
Diesen Artikel haben wir am Montag, 16. Mai 2011 in unseren Katalog aufgenommen.