Libyens grüne Hügel

Libyens gruene huegel_400
Drei Frauen mit dem Jeep im Land Gaddafis

ISBN Buch: 9783939478-324
ISBN E-Book: 9783939478-690
Autorinnen:
Hermine Schreiberhuber, Marita Vihervuori, Mirja Kesävaara
Verlag Kern, Bayreuth
Auflage 1, November 2011
Softcover, 376 Seiten, Karte und Farbfotos

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Covertext:

Mit diesem Buch wird der Leser in ein unglaublich spannendes Reiseabenteuer entführt. Dabei zeichnen die Autorinnen ein facettenreiches Bild Libyens in den Jahren vor dem Umsturz und bieten neben ihren unterhaltsamen Erlebnissen im Land Gaddafis einen fundierten Einblick in die Infrastruktur, das politische Geschehen und das soziale Leben des zerrissenen Maghreb-Staates und seiner Bewohner.

Zum Inhalt: Drei Journalistinnen haben sich in den Kopf gesetzt, in ihrem Jeep in Libyens Hauptstadt zu gelangen. Nicht nur ein gefährliches, sondern vor allem ein nervenaufreibendes Unterfangen. Alle Hürden der Bürokratie und der Ressentiments gegen Frauen in diesem Land müssen überwunden werden. So nehmen es die mutigen Frauen u.a. durchaus in Kauf, tapfer 1500 abenteuerreiche Kilometer Umweg durch die Sahara zu fahren, um endlich ans Ziel zu gelangen. Aber auch dort erwartet sie nichts als Misstrauen. Ihr selbstbewusstes Auftreten wird im Land Gaddafis nicht gerne gesehen. Sie stehen unter ständiger Beobachtung. Ihnen gelingt es dennoch, hinter die Kulissen zu blicken und das Land und seine Bewohner so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Im Genre Abenteuer und Reise muss man schon etwas Besonderes bieten, um sich einen festen Platz im Bücher-Dschungel zu erobern. Libyens grüne Hügel ist eines dieser Bücher, das man garantiert nicht aus der Hand legt, bis die letzte Seite umgeblättert ist.

Leseprobe

Offiziell ist der Islam in Libyen überall präsent. In der Wirklichkeit
ist er am besten in seiner negativen Form sichtbar,
als Verbot und Einschränkung. Die Haltung Ibrahim Sagers,
des Pressechefs des Informationsministeriums, der offiziellen
Kehle des Landes, gegenüber der islamischen Tradition war
eine der Verachtung. Es war notwendig, sie zu unterstreichen,
um die nationalen Gefühle der Volksmassen aufzuwecken.
Die Religion war eine Propagandawaffe. Und nichts anderes.
Unseren Wunsch, die islamischen Wurzeln Libyens im
Bild festzuhalten, quittierte er mit einem Hinweis auf die
emporragenden Baugerüste neben uns. Da schufteten sich die
Koreaner mit dem islamischen Kulturzentrum ab. Ebenso gut
hätte es sich um Geschäftspaläste handeln können. Nichts an
dem Monstrum aus Stahlbeton deutete auf den Islam hin.
Um Ibrahim Sagers Sinn für Technik zu prüfen, brachte
Hermine das Misurata-Projekt ins Gespräch. Es liege ohnehin
in der gleichen Richtung wie Leptis Magna, das am nächsten Tag
auf dem Programm stand. Ibrahim lächelte breit und empfahl
uns, beide Stätten auf einmal zu besuchen. Die Entfernung
sei nur vierzig Kilometer, entblößte er seine lückenhafte
Heimatkunde. Die Anwesenheit der Sicherheitskräfte störte
in seinen Augen nicht und Genehmigungen wären auch
nicht nötig. Wir sollten es einfach probieren. Wir würden die
Belagerung durchbrechen. Sie wäre nur eine Formalität.
Hindernisse für den gewünschten Industrieanlagenbesuch
gäbe es also nicht und den unwirksamen Mahmud würden
wir auch loswerden. Auf verbalen Umwegen hatten wir auf
die Trägheit Mahmuds hingewiesen. So vorsichtig, dass der
arme Basset keine Schwierigkeiten bekäme. Wir seien auf
ein hartes und anstrengendes Programm vorbereitet. Aber
Mahmud lasse uns nicht an die Schwerarbeit heran. Außerdem
kenne er seine Heimat nicht, fünf Jahre New York hafteten an
seinen Fersen. Ibrahim versprach für den nächsten Tag einen
neuen Führer. Einen effizienten und kompetenten, aber mit
begrenzten Sprachkenntnissen.
Wir fühlten uns als Sieger. Endlich würde etwas geschehen.
Der Chef selbst hatte es versprochen. Ibrahim entfernte sich
wölfisch lächelnd. Um Hotelgäste zu inspizieren. Wie alle
Tage. Zur gleichen Zeit.
˜
Ein schäbiger, baumloser Park führte zu düsteren Straßen.
Einst waren sie lebendig gewesen. Jetzt waren die metallenen
Vorhänge fest zugezogen oder hingen kaputt in den Angeln.
Einige Türen waren einen Spaltbreit offen und zeigten eine
erbärmliche Werkstätte. Was dort angefertigt oder repariert
wurde, blieb uns unklar. Jedenfalls war sie nicht in den
offiziellen Fünfjahresplänen der Regierung enthalten.
Ideologisch existierte sie nicht einmal.
Die Straßen waren durchlöchert und von Autoleichen
gesäumt. Einer der Plätze funktionierte als Busbahnhof. Zu
seiner Linken erhob sich der frühere Block der Tabakfabrik,
deren jetzige Funktion uns schleierhaft war. Von irgendwo
drang der Duft frischen Brotes in unsere Nasen. Das Tor Bab
el-Jedid, das in die Altstadt führte, war in schlechtem Zustand
und die Viertel dahinter zerstört. Wir schlüpften durch die
Hintertür in die öde Stadt. Ohne daran gehindert zu werden.
Jene, die uns gehindert hätten, bewegten sich nicht in diesen
Gegenden.
Aus dem verlassenen Torungeheuer entsprang eine lange,
schmale Gasse, die direkt durch die Medina zum Hafen
führte. Die Blöcke rechts hatten den Maltesern gehört,
links erstreckten sich die Wohngebiete der Juden. Jetzt
waren beide gleichermaßen ein Ruinenfeld. Von einigen
Gebäuden vergangener Zeiten war nichts zurückgeblieben
als einige Steinblöcke oder ein Mörtelhaufen auf dem leeren
Grundstück. Die wenigen Bewohner der Medina benutzten
diese verlassenen Häusergrundmauern als Mülldepots. Ein
defekter Kühlschrank war achtlos hingeworfen, die Tür klaffte.
An einigen Portalen waren Reste jüdischer Schriftzeichen zu
erkennen.
Unsere Schritte beschleunigten sich. Die Leere jagte uns.
Sie war bedrückend und ließ die Zungen verstummen. Im
Vorbeigehen warfen wir verstohlene Blicke in die kleinen
winkeligen Gassen. Ab und zu huschte ein Mensch dahin,
lautlos wie ein Geist. Irgendwo miaute eine Katze.
Die Medina war nicht zufällig verfallen. Davon erzählten
die mit Schusslöchern verzierten Häuser, Granatenspuren,
Bombeneinschläge. Am Ende einer Sackgasse saß ein
Schoßkind und spielte auf einem Müllhaufen. Zwei Gassen
weiter schlich eine weiß vermummte Frau vorbei. Die
bedrückende Leere der Medina ließ Gewaltanwendung in
jüngerer Vergangenheit erahnen. Das machte Angst. Die
Bewegung der Beine beschleunigte sich, sie rannten beinahe.
Die Dämmerung sank auf die Stadt nieder, ihre Düsternis war
in der lichtlosen Medina noch spürbarer.
Etwa in der Mitte der langen Gasse, an einer Kreuzung, trafen
wir einen jungen Mann. Er blieb vor uns stehen, warf einen
prüfenden Blick auf uns, zeigte mit der Hand auf die zerstörte
Umgebung und lächelte. „Finden Sie das schön?“, vernahmen
wir aus seinem Munde.
Die intime Dunkelheit und die bedrängende Enge erschreckten
uns. Von Angst gepackt, murmelten wir ein Lob über
die architektonische Vortrefflichkeit der Medina, von der
wir keine Spur entdeckt hatten und beschleunigten unsere
Schritte. „Sie brauchen doch keine Angst zu haben!“, rief uns
der Jüngling nach, ohne uns beruhigen zu können. Mit der
Eile als Vorwand rasten wir ins Unerreichbare. Wir wollten
aus der Geisterstadt hinaus. Der junge Mann trug keine grüne
Armbinde. Aber die örtliche Atmosphäre hatte uns angesteckt.