Für Amadeo

Für Amadeo
Roman
Autor: Christoph Hinkel
Verlag-Kern, 1. Auflage 2009
Softcover, 326 Seiten/ Sprache Deutsch

ISBN: 978-3-939478-133

E-Book:  978-3944224-206

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Umschlagtext

“Für Amadeo” ist eine Hommage an den vermeintlich imaginären Freund, der den Protagonisten Seduco über viele Jahre hinweg begleitet. Mit ihm taucht er in das Reich irrationaler Träume ein, in das man nur mit einer gehörigen Portion Vorstellungsvermögen vorzustoßen vermag. Pubertäre Fantasien werden wachgerüttelt und an die Grenzen des schier Unerträglichen katapultiert. Aber Amadeo ist mehr als das. Immer mehr zerrt er Seduco in die Welt der Träume und verleitet ihn zu schizophrenen Handlungen, die für Seduco zum Verhängnis werden und am Ende eine Entscheidung fordern…

In seinem Erstlingswerk lässt Christoph Hinkel erkennen, wie grenzenlos seine Fantasie ist. Seine blumige, völlig hingebungsvolle Sprache, offenbart das außergewöhnliche Talent des jungen Autors. Seine bizarren Gedankengänge lassen bisweilen das Blut in den Adern gefrieren und der Leser wird in eine Welt entführt, die er so niemals erlebt hat …

Christoph Hinkel, ein vielversprechendes Talent, von dem man sicher noch Einiges lesen wird.

Alles über Christoph Hinkel bei http://www.autorenprofile.de/


Leseprobe

Seduco Timid, Tagebuch – 01. Juni 2000
Klatsch. Klatsch. Es war so unglaublich laut. Laut und dumpf erreichte der Schall das Ohr. Ganz so, als ob nichts auf dieser Welt ein Geräusch machen würde, mit Ausnahme der Wassertropfen, die von den nassen Haaren hinunter auf den Boden der Badewanne tropften. Und es hallte wieder. Im Keramik der Wanne, im Badezimmer, hinaus durch die offene Badtür und durch die gesamte Wohnung zurück zu dem Tropfen der es ausgelöst hatte, der trotz Zeitdehnung schon längst vergangen und durch einen identischen Bruder ersetzt worden war. Durch das monotone Rauschen, des aus dem Duschkopf prasselnden Wassers, hatte ich über eine sehr lang gedehnte Stunde vergessen können.
Einer Stunde, die mir jetzt im nachhinein, wie verfl ogen scheint. Nun gut, sie ist es ja nun auch. Vergessen können.
Klatsch. Der nächste Tropfen. Ich saß da, wie ich jetzt da sitze. Auf den Abfl uss starrend, welcher unersättlich das Wasser verschluckte. Die Beine angewinkelt und die Arme um die Knie geschlungen, so eng, dass sich die Finger der Hände unter die Fußsolen gruben. Das Wasser regnete einfach herab. Hinunter auf einen Körper der die jämmerliche Hülle einer gebrochenen Seele darzustellen gesuchte. Mal war es kochendheiß, dann wieder schlagartig schockierend kalt. Je nachdem wie es unsere alte Gastherme für richtig befand. Und ich saß einfach nur da. Verbrühte mich, fror, starrte in die Stille des monotonen Rauschens und bildete mir ein, Ruhe zu finden.

Eine spröde Landschaft. Lehmiger Boden, der vor Trockenheit überall aufgerissen war. Blaugrau. Ein knorriger, blätterloser alter Stamm eines Gebüschs reckte seine Ästchen in das dunkelblaue Wolkenmeer.
Endlose Weite und nichts zu sehen, kein zweiter Strauch, kein Berg, kein Horizont. Irgendwo in der Ferne verschmolz der Himmel mit der Erde. Ich saß am Boden, nackt und wie ich in der Badewanne gesessen war.
Direkt über mir, und ausschließlich über mir begann es zu regnen. Wie im Badezimmer, prasselte das Wasser herab. In unmittelbarer Nähe bewegte sich etwas. Ein Chamäleon, vorher dem Hintergrund so gut angepasst, dass ich es nicht habe ausmachen können, kam es von den freiliegenden Wurzeln des Busches hergelaufen. Schwerfällig. Als es über meine Füße kroch und damit in den Regen kam verwandelte es sich in ein Gürteltier, welches sich langsam zusammen- und einen halben Meter davon rollte.  Als es zum fußen kam, war es eine große eierschalenfarbene Perle.
Die Erde um mich herum nahm das Wasser begierig auf, der Lehm wurde weich und schlammig.  Ich blieb sitzen. Amadeo erschien an dem dorren Gehölz. Sah aus, wie er immer aussieht, mit schwarzen Augen und lächelndem Gesicht. Ich hatte ihn so lang nicht gesehen, so lang, hat er mich allein gelassen.

Die Erde begann abzusacken. Ich fuhr zusammen, blieb aber sitzen und vertiefte mich in Amadeos Gestalt. Ein leichter, köstlicher Schauer kroch mir den Rücken hinunter. Angenehm, lustvoll, erregend, orgastisch. Hände waren es, sie massierten mir den Rücken, streichelten mir den Nacken, Lippen küssten ihn und bliesen kühle Luft auf die Haut, welche sofort eine Gänsehaut bildeten. Als ich mich umdrehte war niemand da. Oder jemand, war schon wieder verschwunden. Wieder Amadeos Augen. Der Lehm unter mir brach plötzlich auf, ich versank. Machte ein verzweifeltes Gesicht, blickte Hilfe suchend zu Amadeo. Doch er blieb stehen, lächelte liebevoll. Nun bewegte ich mich doch, versuchte meine Finger im Lehm zu vergraben, mich festzukrallen. Bis zur Brust war ich schon versunken. Ich kämpfte und schnaufte. Wollte schreien, doch keinen Ton konnte ich meinen Stimmbändern entlocken. Amadeo löste sich in ein Dutzend Raben auf und flog davon. Wie in Zeitlupe. Das Wasser hörte auf herabzuregnen und Amadeos Flügelschläge dröhnten laut und gedehnt in meinen Ohren.

Die Erde war fest. Trockner Lehm, verkrustet an meinen Fingern. Staubig vom hoffnungsvollen graben. Die Wolken lösten sich auf und zwei Sonnen blechten herab. Versenkten alles. Zwischen meinen Fingern waren Schwimmhäute gewachsen und an meinem Hals spürte ich Kiemen nach Luft ringen. Eine weiße Taube saß nun auf dem Gesträuch und die trockene Erde um mich herum, in meiner Versenkung, sprang auf, und mit urknallgleichem Getöse brach ich hindurch. Stürzte in die Tiefe. Tiefe Dunkelheit. Ich fiel, lange Zeit und hatte Angst. Fiel in die Schwärze, hinein in die alles verschlingende Dunkelheit. Gern hätte ich geschrieen, doch meine Lippen waren fest aufeinander gepresst, fest versiegelt. Ruhe umgab mich und irgendwann, kroch die Ruhe auch in mich hinein. Umfing mich. Und obgleich ich immer noch fiel, hatte ich keine Angst mehr. Lächelte und genoss diese Stille, welche an manch anderen Tagen, in manch anderen Stunden so eine unerträgliche Beklemmung in einem hätte auslösen können, dass man nur noch ein Licht hätte entzünden mögen, nur um zu sehen, dass es dadurch nur noch schlimmer wird. Kein Ton, kein Licht. Nur unendliche Finsternis. Auf wunderbare Art und Weise erinnerte sie mich an den Anfang aller Dinge.  Am Anfang ist es immer dunkel. Und dann, Fiat Lux, kommt das Licht. Ich fiel in dieses Licht hinein, durch es hindurch und war mit einem mal wieder im Regen.