Das Prinz-Charles-Syndrom

9783939478058Das Prinz-Charles-Syndrom

Ein Leben in der Warteschleife des endlosen Erbens

Autor: Dr. Yvonne Arnhold
ISBN:     978-3939478058
E-Book:  978-3944224183
Verlag Kern, Bayreuth
1. Auflage, 2007 Erscheinungsdatum: 15.August 2007, Gebundene Ausgabe / Sprache Deutsch, Seiten:168

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Umschlagtext

Dr. Yvonne Arnhold glaubt fest daran, dass eigentlich jeder ein „Erbe“ ist, der von seinen Altvordern zumindest immer wieder mit irgendwelchen Weltanschauungen, Glaubenssätzen und oft geheimen Lebensaufgaben bedacht wird.

Und je älter die Menschen werden, umso häufiger findet sich das „Prinz-Charles-Syndrom”, das Problem des Erbens, das immer weiter in die Zukunft rutscht.

Dr. Yvonne Arnhold hat Germanistik studiert und ist gelernte Journalistin. Nach dem heimlichen Wunsch des Vaters ließ sie sich zur Fremdsprachen-Korrespondentin ausbilden und nach der mütterlichen Banker-Familien-Tradition absolvierte sie eine wirtschaftlich geprägte Ausbildung zum Ökomanager.

Ganz entgegen des Familien-Glaubensatzes „Mit Psychologie beschäftigt sich nur einer, der es selbst dringend nötig hat“, arbeitet sie seit mehreren Jahren in ihrer Praxis für Psychotherapie – am liebsten mit effektiven Methoden wie NLP, EFT und Wingwave.


Leseprobe aus “Das Prinz Charles Syndrom”

Die Rollen, die man in seiner Familie und damit im Spiel des Vererbens übernimmt, sucht man sich in der Regel nicht aus. Man bekommt sie per Definitionem aufs Auge gedrückt, weil dieser Platz gerade frei ist. Oft erinnert man an die Urgroßmutter wie sie als Kind aussah, und schon wird angenommen, daß auch die Charaktereigenschaften so sein müssen. Wenn der Nachwuchs sich dann mal laut und wütend gegen etwas wehrt- wie Kinder das in bestimmten Phasen einfach tun – dann heißt es gleich: “Du wirst einmal so bestimmend und herrisch wie Deine Urgroßmutter!” Hat der kleine Junge eine ruhige Phase und entfernte Ähnlichkeit mit dem kränkelnden Onkel, dann wird gleich besondere Rücksicht auf ihn genommen, und nolens volens rutscht das Kind in die Rolle des Dauerkranken, um den sich die ganze familie sorgen muß. “Geerbt” hat er das von seinem Onkel, der es wahrscheinlich selbst schon “geerbt” hat von einem andern Familienmitglied. Es heißt dann gern “Das liegt in den Genen”.

Wer Glück hat wird als Nesthäkchen zum Sonnenscheinchen, was er dann nicht selten mit einer gewissen Dauerinfantilität, Fixiertheit auf die Eltern und damit ihrer späteren Pflege zu bezahlen hat, während der Erstgeborene bald vor die Tür gesetzt wird, damit er lebenstüchtig wird und das spätere Erbe vergrößern kann. Das Sandwichkind läuft hier – wie der Name schon sagt -bloß mit. Es wird zwar nicht die große Erbfolge antreten, aber auch nicht mit übermächtigen Aufgaben belastet werden. Die A….karte hat eindeutig das Einzelkind gezogen. es muß alle diese Rollen übernehmen, gleichzeitig darf er sich auf das künftige Erbe vorbereiten und die Altvorderen pflegen, wobei für ihn unterschwellig noch die Forderung nach einer eigenen Familie und einen großen eigenen Karriere zu spüren ist.

Manche Familienkonstrukte brauchen auch ein Familienmitglied, das des Erbes “nicht würdig ist. Über diesen “Unwürdigen” kann nämlich das Erbe zum Dauerthema und damit zu einem gut funktionierenden Familienkitt werden. Über was würde man sprechen können, müßte man sich nicht über ihn aufregen, könnte man sich nicht positiv gegen ihn absetzen und gäbe es nicht Pläne zu schmieden, wie man das Erbe vor ihm schützen kann! Sogar lebensverlängernd kann sich diese Rolle für den Erblasser auswirken, bleibt er doch allein schon auf dieser Erde, damit dem Unwürdigen nicht vorzeitig das wertvolle Gut in die Hände fällt und er dann alles verprasst, was Generationen mühselig zusammengetragen haben!

Dabei ist zu betonen, daß dieser Erblasser seine Rolle auch schon geerbt hat und eigentlich nur fortführt, was in der Familie eigentlich schon zum Selbstläufer wurde.

Er steht nicht weniger in der Pflicht als als der Thronprinz, er verwaltet das Erbe ja auch nur. Sein Vorteil ist aber, daß er an der Macht ist und seine Gunst nach Laune verteilen kann solange die potentiellen Erben mitspielen und in ihren Rollen bleiben. Und das bleiben sie meist, weil die Rollen auch sehr viel zu tun mit der Identitätsfrage und dem Wert im Familienystem. Und schließlich geht ja nicht immer nur darum, daß der Erblasser eine Machtposition aufbaut gegenüber dem Erben. Es geht wirklich darum, daß alle mit dem Erfüllen ihrer Rollen die Familie weitertragen. So wie Prinz Charles mit seiner Rolle als Kronprinz die Tradition der Royals fortführt. Blöd bloß, daß es oft nicht nach der Reihe geht, und plötzlich stehen dem Erben schon die nächsten Erben an den Haken. Auch wie bei Prinz Charles, dessen ihm zugedachte Lebensaufgabe ihm langsam vom Sohn streitig gemacht wird. Dem Erblasser kann nichts passieren – außer er hat nichts zu Vererben. Deshalb ist es für ihn ganz wichtig, das, was er besitzt, als unbedingt erstrebenswert zu verkaufen. Doch, wie schon gesagt, mit Hilfe der Familienglaubenssätze, der Traditionen und der emotionalen Abhängigkeit des möglichen Erben ist das eigentlich ein Kinderspiel.

2.7 Eingebildetes und unbewußtes Erbe

Diese emotionale Abhängigkeit kann auch dazu führen, daß ein Familienmitglied oder ein glühender Verehrer sich ein Erbe – oder das Recht darauf – einbildet oder unbewußt übernimmt. So tritt der Schüler in die Fußstapfen seines Lehrers, der Student übernimmt die Schwerpunktthemen und die Herangehensweise seines Professors, die Enkelin sammelt Bauernzeug, weil die Großeltern Bauern waren, der Sohn steigt in den Beruf des Vater sein.
Das ist natürlich alles mehr als in Ordnung, wenn der Student nicht sklavisch an den Themen hängt und nicht vor lauter Verehrung für den Professor vergißt, die Methoden für sich weiterzuentwickeln und wenn sich die Enkelin in der rustikalen Einrichtung wohl fühlt. Auch der Beruf des Vaters kann für den Sohn der genau richtige sein – oft hat er schon in seiner Kindheit viel davon ganz beiläufig, ja spielerisch, mitgekriegt.

Problematisch wird es erst, wenn das so Ererbte eigentlich nicht für den Erben paßt. In meiner Praxis habe ich schon mehr als genug Paare erlebt, die zur Beratung kamen, weil ein Partner plötzlich auf Abwege geraten war. Und fast jedesmal stießen wir bei der systemischen Recherche darauf, daß im entsprechenden Alter auch der Vater und die Mutter Beziehungsprobleme hatten, ja oft sogar die Großeltern betroffen waren. Diese Beobachtung stimmt mit Forschungen überein, die feststellten, daß in der Regel die Probleme, die ein Angehöriger einmal hatte (und suboptimal löste) auf die nächste Generation – oft auch auf die übernächste übertagen wird, bis es gelöst ist. Das hat sicher mit selffulfilling Prophecy zu tun haben, wenn etwa die Tochter geduldig auf die Krebserkrankung wartet, weil schon Mutter und Großmutter betroffen haben. Oder wenn der Sohn als erfolgreicher Geschäftsmann arbeitet bis zu dem Alter, in dem schon sein Vater Konkurs anmelden mußte und es dann irgendwie, auf kaum nachvollziehbare Art, selbst schafft, in Konkurs gehen zu müssen. Ebenso wird die Vorbildfunktion greifen, wenn man zum Beispiel raucht, weil auch der Rest der Familie raucht und immer geraucht hat.

Manchmal überspringt so ein Problem auch eine Generation und das Kind trägt plötzlich die Existenzangst des Großvaters, der nach dem zweiten Weltkrieg aus seiner Heimat vertrieben wurde und seinen ganzen Besitz zurücklassen mußte. Plötzlich überfällt den wohlverdienenden Enkel die logisch nicht mehr nachzuvollziehende Angst, er könne seine Familie nicht mehr ernähren und aus dieser Angst heraus geschehen dann fast zwangsläufig die schlimmen Ereignisse, doch eigentlich mit aller Gewalt verhindern möchte. Es liegt also nicht immer am potentiellen Erblasser, was und wie etwas vererbt wird. Sicher würden die meisten gern alles tun, um ihren Nachfolgern solche schweren und oft kaum lösbaren Hinterlassenschaft zu ersparen. doch da sind dinge am Werk, an denen noch gerätselt wird, handelt es sich um C.G. Jungs kollektives Unbewußtes, bewirken unbewußte Signale diese Art der Informationweitergabe über früheres Geschehen? Wir werden diese Frage wohl nicht lösen, aber wir können hinschauen auf dieses Phänomen und vor allem auf das, was es mit uns macht. Das Wenigste was wir dann erreichen können ist, daß wir verhindern, selbst so schwer Belastendes weiterzugeben.